KreaCom

Kreative Kommunikation mit François Wiesmann und Dolores Richter


Wirksamkeit von Innen

Dolores Richter

Die Welt im Wandel ist in aller Munde – und sie betrifft uns jeden Tag. Es mischt sich Unruhe und Besorgnis mit dem Besinnen auf das Wesentliche. Viele sind motiviert und wollen Teil der Veränderung sein, und vor allem: sie konstruktiv gestalten. Da wir gleichzeitig „zu viel“ wissen, ist es heute nicht so leicht, ein Gefühl von Wirkung zu bekommen. Unendlich viele und komplexe Informationen stürmen auf uns ein. Wie sollen wir ausmachen, an welcher Stelle unser Handeln ansetzen soll? Wie können wir auf eine Weise wirken, die uns nährt?

Wirksamkeit kommt von Innen. Sie kommt von Innen, wenn sie mit unseren Begabungen, Werten und Visionen in Einklang ist. Das setzt natürlich voraus, dass wir mit unserem Innenleben vertraut sind.
Was wir im Außen erleben, welche Ereignisse in unser Leben treten, wie wir sie empfinden oder interpretieren, hängt zu großen Teilen mit unserer Innenwelt zusammen und wie bewusst wir uns darüber sind. Sind wir mit unseren Gefühlen, Werten, Glaubenssätzen, Mustern und Prägungen auf eine Weise vertraut, dass wir merken, wann welches die Führung in uns übernehmen möchte? Sind wir überhaupt auf eine Weise mit uns vertraut, dass wir uns in unserem eigenen Inneren zuhause fühlen? – Oft genug werden wir zum Spielball unserer Umwelt. Wir haben ein Spektrum an Verhaltensmöglichkeiten, das je nach Situation wie ein Computerprogramm abgerufen wird und sich ungefragt selbständig abspult.
Zudem sind wir von unserer soziokulturellen Umgebung auf eine Weise geformt, dass wir unsere eigene Identität nicht wirklich kennen. Das können wir, wenn wir Bewusstseinszustände auf suchen, die von dieser Formung nicht berührt sind. Diese Erfahrung ist das größte Ankommen bei sich selbst. Es ist die tiefste Form von Selbstliebe, die ich kenne. Es ist der Ort, an dem wir uns nicht mehr von Belanglosigkeiten erschüttern lassen, dafür aber auf neue Weise berührbar werden.

Je mehr Zugang wir zu unserer Innenwelt haben, umso mehr können wir essentielle Gefühle von Mustern unterscheiden. Wo wir intim mit uns selbst werden und unserem Inneren Zuwendung schenken in Meditation oder Stille, lichtet es sich Schicht um Schicht, wird unterscheidbarer und spürbarer. Wir entdecken eine Vielzahl von Welten, die uns bereichern. Nach und nach lernen wir, Gefühle „zu ende“ zu fühlen, und wenn wir in diesem Sinne durch ein Gefühl durchtauchen, erfahren wir, welches tiefere Gefühl darunter zum Vorschein kommt. Nach mehreren Stufen landen wir dabei nicht selten in einem kraftvollen und verbundenem Sein. Man muss sich dabei nicht im Fühlen erschöpfen, es ist eher ein meditatives Geschehen, das schon im Prozess durch Erkenntnisse nährt. Ich nenne diesen Prozess „spirituelle Heilungsarbeit“, denn er versetzt uns in die Lage, uns spirituell zu verbinden und unsere ureigene innere Anbindung zu erfahren. Das bedeutet nichts Geringeres als dass wir erkennen und ERFAHREN, von Leben erfüllt und von sichtbarem und unsichtbarem Leben umgeben zu sein, von fühlbarer Kraft, Liebe und Licht.
Dies ist unser natürlicher Daseinszustand, in ihm kommen wir auf die Welt, aus ihm kommen wir in die Welt, und nichts ist mehr von Bedeutung, als aus dieser Natürlichkeit heraus zu leben. Wenn wir diese wieder erlangen, kehrt tiefe Ruhe in uns ein. Wir sind von selbst verbunden mit dem, was uns wirklich wichtig und wesentlich ist.

Es ist ein Grundgefühl von Glück, das nicht von äußeren Ereignissen abhängt, sondern vielmehr von der Erweiterung und Durchlichtung unseres Identitätsgefühls herrührt.
Dieses in der wirklichen Identität ankommen ist das A&O für unser Leben, Lieben und Wirken. Unser Wirken hat seinen Ursprung in unserem lebendigen Inneren, in unseren eigenen Berührbarkeit. Was wir seelisch oder physisch erfahren, BERÜHRT uns. Was uns berührt, verändert uns. Es öffnet uns für die Welt der anderen.

Da wir nicht nur individuell als Einzelwesen existieren, sondern auch von anderen Menschen und einer Gesellschaft umgeben sind, ist nachhaltige Veränderung ein wechselseitiger Prozess von Individuum und Kollektiv. Zum Beispiel ist Berührbarkeit ein zartes, fast zärtliches Lebensgefühl mit sich selbst und allem Lebendigen. Es ganz zu entfalten ist für unsere Spezies überlebensnotwendig, sonst werden wir nicht aufhören, unseren Planeten zu plündern. Aber als einzelne Berührbare ist das Leben in einer Leistungsgesellschaft nicht erquicklich. Es ist aus vielen Perspektiven wesentlich, die eigene Transformation immer auch in und für den gesellschaftlichen Kontext mit anzustoßen oder Kontexte zu schaffen, in denen unterstützende Felder die Veränderung stabilisieren können.

Eine ganzheitliche Lebenskultur verbindet individuelle und kollektive Heilungs-, Bewusstseins- und Transformationsprozesse. Entscheidend ist an dieser Stelle, dass die Kooperation unter Menschen in einem stärkenden Umgang stattfinden kann. Hier ist eine neue Art von Gruppen- und Gemeinschaftsbildung gefragt. Wo wir aus guten Gründen Gruppen, Klassen oder Gemeinschaften als reglementierend oder mit Anpassungsdruck erfahren haben, geht es hier darum, die „Kraft des Ich“ mit dem „Zauber des Wir“ zu verbinden. Das hier gemeinte „Wir“ speist sich aus dem großen Kontext der menschlichen Evolution und aus unserer natürlichen spirituellen Anbindung. In dieser Weite muss das Ich sich nicht zurücknehmen, sondern im Gegenteil: sich voll entfalten, damit es seinen Beitrag in seiner ganzen Fülle hineinverschenken kann. Gleichzeitig ist die Kraft des Ich, das in seinem eigenen Inneren zuhause ist, erlöst von den Fesseln der Egozentrik, die einst so viel Wind um das eigene Dasein veranstaltet hat. Ein Wesen, das sich als Teil eines Größeren Ganzen erfährt, muss sich nicht zurücknehmen, um sich in ein Größeres hinein zu schmiegen. Demut hat nichts mit Sich-Kleinmachen zu tun. Demut ist das liebende, beglückte Einverstanden-Sein mit der Tatsache, dass ich nur einen Teil zum Ganzen beitragen kann. Den eigenen Teil beitragen zu können und zu dürfen, erfüllt mit Dankbarkeit. Auch ist mensch beglückt einverstanden mit der Tatsache, andere zu seiner Ergänzung zu brauchen.

„Das Paradox der Individuation: Je mehr ich werde, was ich bin, desto mehr kann ich zum schöpferischen Teil des Ganzen werden. Das Gemeinsame im Ganzen kann erst lebendig werden, wenn die inneren Unterschiede volle Anerkennung finden. Es geht der Evolution also wohl darum, dass wir werden, was wir sind und so unseren Beitrag finden.“ (Joanna Macy)

Zu einer ganzheitlichen Kultur gehört ein bewusster Umgang mit der Liebe: der Liebe zum eigenen Körper, zur eigenen Sexualität, zu Frauen, Männern, Kindern überpersönliche Aufmerksamkeit zu schenken. Es hat sich in dem Bereich schon sehr viel verändert in den letzten 30 Jahren, aber letztlich machen doch die meisten das Gelingen der Liebe, der Partnerschaft oder des Familienlebens an sich persönlich fest. Unsere Liebessituation hat aber eine wesentlich größere Dimension. Die meisten Probleme, die wir in Beziehungen haben, sind kollektiver Natur und sollten deshalb bei ihrer Heilung das Kollektive mit einbeziehen. Wo das gelingt, entsteht eine Liebeskultur, die von Wahrhaftigkeit, Freude, Wissen und gegenseitiger Unterstützung getragen ist.
Wirksamkeit von Innen kann sich durchaus langsam und chaotisch veräußern. Sie basiert auf Intuition und Kontakt, welche sich beide nicht linear und berechenbar bewegen. Und gerade deshalb können sie in der heutigen Zeit „effizienter“ sein als ergebnisorientiertes Denken: die Zeit des Wandels zeichnet sich genau dadurch aus: sie ist weder linear und noch berechenbar. Sie fordert uns heraus, uns auf neue alte Quellen zu besinnen.
Diese haben viel mit dem zu tun, was in alten Zeiten traditionell als die weibliche Weisheit galt. Das „Weibliche“ verkörpert die Verbundenheit mit dem Lebendigen. Es sorgt dafür, dass Leben Raum bekommt und Energie zugeführt wird. Es lässt Gedanken aus dem Schoßraum auftauchen, und gibt ihnen Zeit, den Weg ins Bewusstsein zu finden. Es pflegt die Zusammengehörigkeit und die Kooperation. Dieses „Weibliche“ ist eine Qualität, das im Industrie- und Globalisierungszeitalter kulturell wenig Chance auf Wirkung hatte. Ich, Frau, die sich am Männlichen orientiert emanzipierte, beginne erst in der zweiten Lebenshälfte aus den wirklichen Quellen der Weiblichkeit zu schöpfen.
(Und zur Klarheit sei erinnert: weibliche Qualitäten sind in Frauen wie Männern zuhause).
Ich sehe es heute als sehr wichtige Aufgabe, einem Prozess RAUM zu geben, und vielleicht ein INNEHALTEN zu bewirken, das seelisch und physisch erfahrbar wird. Ob dies für den Wandel unseres gesellschaftlichen Lebens zutrifft, oder für Prozesse in Familien, Unternehmen oder Gruppen: wo es gelingt, durch Innehalten eine Bewegung zu erfassen, statt von ihr erfasst zu werden, steigt instantan die Möglichkeit, Sinn oder Bewusstsein zu entfalten.

„Wenn eine Gruppe wirklich zusammenfindet und die kollektive Weisheit unter ihnen präsent ist, dann entsteht die Fähigkeit, ein Denken zu generieren, das alles, was die einzelnen Teilnehmer zuvor gedacht haben, transzendiert. Es ist ein wirklich neues Denken. Die Erfahrung der kollektiven Weisheit ist für viele der Forscher so stark, dass sie denken, dass das der eigentliche Schlüssel sein könnte für die Bewältigung der Aufgaben, die global anstehen.“ (Glenna Gerard)
Es gibt eine Intelligenz, die genau dieser Qualität entspricht: die kollektive Intelligenz, die auch allerorten im Gespräch ist. Wie im obigen Zitat beschrieben können Menschen mit ihrer Hilfe kreative Ergebnisse erzielen, die dem einzelnen nicht zur Verfügung stehen. Unsere Zeit liefert uns also nicht nur ein „zu viel“ an Informationen, sie liefert uns auch die Chance, die Vielfalt von Informationen auf neue Art zu bewältigen. Neben atemberaubenden schwarm-intelligenten Ereignissen, die durch das Internet möglich geworden sind, gibt es die Möglichkeit, Gruppen und Projekte bewusst so aufzubauen, dass sie sich auf kollektive Weisheit einladend auswirkt. Das Ergebnis ist entsprechend „kollektiver“: die Wirkung weitet sich aus in feld- oder kulturbildende Dimensionen.

Wesentlich für die Emergenz von kollektiver Weisheit ist die Verbindung der Beteiligten auf verschiedenen Ebenen: der kognitiven, emotionalen, spirituellen und kreativen und die Ausrichtung auf ein gemeinsames Ziel. Das Kraftfeld wird verstärkt, wenn die Teilnehmer sich in einer Art von Vertrauen miteinander fühlen, in der sie sich in ihrem Potenzial und ihrem Wesen gesehen fühlen, also die gewohnten Masken von Funktionalität hinter sich lassen dürfen. Auf diese Weise geschieht ein Einlassen auf neue menschliche Verbindlichkeiten.

Immer mehr Menschen machen sich auf, sich zusammen zu schließen in Trainings, Projekten, Netzwerken, Gemeinschaften. Die Herausforderung ist, in großen Dimensionen und Zusammenhängen zu denken und dabei im Gewahrsein ihrer selbst, ihres Herzens und des konkreten Gegenübers zu bleiben. Neue Dimensionen wollen eingeladen werden. Um die Komplexität unserer Situation erfassen zu können, brauchen wir Köpfe und Herzen, die sich auf vielfältige Weise verbinden, um ein gemeinsames Schauen, Fühlen und Wirken entstehen zu lassen. Diese Qualität gehört zu den wesentlichen Bausteinen, die Veränderung bewirken können.
Wie sich die Wirkung zeigt, ob im Aufbau von Projekten oder Gemeinschaften, in sozialen Unternehmen, Bürgerinitiativen, im Erfinden und Schaffen neuer Berufe, neuer Wirtschaftssysteme, in nachhaltiger Produktion und verantwortlichem Konsum, ob wir beitragen, das Bewusst-Sein über das Zusammenspiel von Innen und Außen zu verkörpern - entscheidend ist die Verbindung der verschiedenen Ebenen aus einem belichteten eigenen Inneren. Von dort aus entsteht eine berührbare Gesellschaft.
Dolores Richter


Die Vision einer „berührbaren Gesellschaft“ zieht sich als roter Faden durch zwei Ausbildungen, an denen Dolores Richter beteiligt ist.
Der dritte Jahrgang der Be(e)School Berlin für 2013 steht am Start: eine Ausbildung in Transformationsgestaltung für Menschen, die Veränderung bewusst gestalten wollen – im eigenen Inneren wie in unser aller Außen.
Wir beginnen mit dem Basiswochenende "Persönliches Bewusst-Sein und Kollektive Intelligenz" am 18. - 20. Januar mit Dolores Richter und Florian Müller. Einmal pro Monat - an einem Samstag und dem dazugehörigen Freitag abend - finden dann die einzelnen Module der Be(e) School 2013 statt.
www.bee-school.org

ausserdem:
Jahrestraining 2013 im ZEGG - Bewusst LebenLiebenWirken
eine Ausbildung für ganzheitliche Lebenskultur
mit Dolores Dichter, Marcus v. Schmude, Eva Weigand, Kolja Güldenberg
Beginn: 28. 02. – 3. 03. im ZEGG, Bad Belzig
www.kreacom.org